Chiron

Martin Vogel

Chiron der Kentaur mit der Kithara

Band 25/26 der Orpheus-Schriftenreihe, 764 Seiten, Ganzleinen, 100,00 €
ISBN 3-922626-15-7

Das Buch geht von dem erstaunlichen Faktum aus, daß das griechisch-römische Altertum den Kentauren an den Anfang der Barden-Tradition stellte: der Kentaur Chiron galt als der erste Lehrer des Kitharaspiels. Andererseits hielt man ihn für den frömmsten und weisesten Mann, gab ihm die jungen Prinzen in die Lehre und schrieb ihm auch noch die Anfänge der Jagd und der Heilkunde zu. Was war das für ein merkwürdiges Mischwesen, halb Mensch, halb Hengst, das so viele Vorzüge und Begabungen in sich vereinigte? Und wie konnte es dazu kommen, daß die Kentauren schließlich als ein wüstes, ruchloses, nach Wein und Weibern gierendes Geschlecht denunziert und von Herakles mit Giftpfeilen zusammengeschossen wurden?

Martin Vogel greift die alte Vermutung auf, daß die Kentauren ursprünglich Onokentauren, also Eselkentauren, Eselmenschen, waren, und deutet sie als Esel- und Maultierhalter, die mit ihren Tieren zugleich ein ganzes Paket wichtiger kultureller Errungenschaften, unter anderem auch „die Musik“, ins Land brachten. Ihre Spur führt über Karien und Zypern zurück nach Phönikien, ja sogar bis nach Südarabien. Kulturgeschichtliche Zusammenhänge größten Ausmaßes werden deutlich. Vogel arbeitet mit der Hypothese, daß es damals, grob gesagt, zwei Arten von Menschen, Stämmen, Völkern gab: auf der einen Seite die Krieger und Herrscher, auf der anderen die Handwerker und Händler, die eigentlichen Kulturbringer. Zu ihnen gehörten die Kentauren, Silene und Satyrn, deren Hengsttum – auch die Satyrn der attischen Bühne waren Hengstmenschen – sich daraus erklärt, daß sie Esel und Maultiere züchteten, weil sie bei ihren Professionen auf Saumtiere angewiesen waren.

Ein beträchtlicher Teil des umfangreichen Werkes ist der linguistischen Seite gewidmet. Wichtigste Ausdrücke des täglichen und des schönen Lebens gehen offenbar auf den Kentaurennamen zurück, unter anderem auch Kithara. Über die Etymologien und über den Mythos sucht Vogel in die dunklen Zeiten der musikgeschichtlichen Entwicklung vorzudringen. Sein Ansatz schafft einen Zugang zu der uns unverständlichen Tatsache, daß die Musik sowohl im Christentum als auch im Islam verfemt war. Die Verfemung der Musik ist Teil jener Diffamierung, der die Eselclans beim Aufkommen von Pferd und Kamel ausgesetzt waren und der auch die Kentauren zum Opfer fielen. Der Eselsilen wurde zum Bocksatyr, der Satyr zum Satan. Aus Adams erster Frau Lilith, von der Septuaginta als Onokentaura bezeichnet, wurde „des Teufels Großmutter“. Die Eselclans, in deren Händen die Musikausübung lag, wurden verteufelt, mit ihnen die Musik. Für die Kirchenväter sind die Musiker dann die ministri Satanae.