Die reine Intonation im Chorgesang

Bettina Gratzki

Die reine Intonation im Chorgesang

Band 70 der Orpheus-Schriftenreihe, 300 Seiten, Ganzleinen, 36,50 €
ISBN 3-922626-70-X

Dem Chorsänger ist die größte Freiheit hinsichtlich der Intonation gegeben; keine Mechanik, keine feste Stimmung bindet ihn an vorgegebene Tonhöhen und Distanzen. Was einerseits un­geahnte Möglichkeiten eröffnet: eine differenzierte und bunte Intervallpalette, die in der Oktave weit über die zwölftönige Beschränkung hinausgeht, birgt andererseits Gefahren in sich: ohne ein festes Bezugssystem, an dem sich der Sänger orientieren kann, droht die Intonation aus den Fugen zu geraten; Tonhöhenschwankungen, Dis- und Detonieren sind die Folge. Die Freiheit des Sängers ist zudem nährreicher Boden für eine inzwischen kaum noch überschaubare Viel­zahl heftig umstrittener Meinungen und Ansichten: In welcher Stimmung s o l l t e ein Chor singen und wie singt er t a t s ä c h l i c h ? Welches sind die Grenzen der tolerierbaren Abwei­chungen?

In der praktischen Chorarbeit wird das für die Qualität eines Chores vordringlichste Thema Intonation meist auf stimmbildnerischer Ebene abgehandelt. Man führt die Mängel auf physio­logische Ursachen oder auf eine Indisposition der Sänger zurück. Oder aber man kaschiert die Intonationsmängel durch ein mehr oder weniger ausladendes Vibrato. Fragen der Stimmung in die Chorarbeit einzubeziehen, ist dagegen die Ausnahme. Eine Definition dessen, was als rein gilt, wird meist vernachlässigt.

An diesem Punkt setzt diese Studie zur Chorintonation ein. Das Ziel ist eine Objektivierung der Intonationsfrage und der Entwurf einer darauf aufbauenden Methodik. Die Intonation wird an ein Stimmungsprinzip gebunden: an die reine Stimmung, denn nur sie vermag dem Intonations- und Unterscheidungsvermögen des Sängers voll zu entsprechen. Für die einfachen Verhältnisse einer reinen Oktave, Quinte, Großterz und kleinen Septime hat er ein inneres Maß; ihre optimale Realisation kann sich jeder erhören und erarbeiten. Alle anderen Intervalle können von diesen vier Grundintervallen systematisch abgeleitet werden, ihre korrekte Intonation ist somit erlernbar. Für temperierte Intervallgrößen hat der Sänger dagegen keinen ihm innewoh­nenden Anhaltspunkt. Temperierung ist per Definition eine mehr oder weniger genau festge­legte Ver­stimmung der reinen Werte, einzig erfunden, um im instrumentalen Bereich die Zahl der benötig­ten Töne auf ein handliches Maß zu reduzieren. Für den A-cappella-Gesang ist all dies ohne Be­lang, ja ohne Hilfe eines Instrumentes sogar unerreichbar.

Der Leser wird über die Stimmungstheorie hin zur Praxis geführt. Ein Überblick über die wichtigsten Stimmungsprinzipien und ihre Relevanz für den Sänger, eine differenzierte Interval­lehre, die auch die Primzahl 7, die sogenannte Naturseptime, miteinbezieht, eine Zusammenfas­sung des Problems Stimmungsdualismus, wozu auch die Intonation des Leittons gehört, und der unter Praktikern wenig bekannte Zusammenhang zwischen Stimmung und Dis- und Detonieren bilden den Grundstock. Anschließend werden geeignete Intonationsübungen aus dem Fundus der Chor- und Gesangschulen und einiger Spezialstudien vorgestellt. Einen breiten Raum neh­men die beiden wichtigsten Hilfsmittel: das Instrument und die Solmisation, ein.

Kurzgefaßt: Reine Intonation ist über die Beseitigung stimmphysiologischer Barrieren hinaus lehr- und lernbar. Eine entsprechende Schulung führt über die Theorie der reinen Stimmung und eröffnet Wege zu einem homogenen, an Ober- und Differenztönen reichen Chorklang und in die Klangwelt der Enharmonik und Mikrointervalle.